Das SORKC-Modell: Verhaltensanalyse einfach erklärt

Das SORKC-Modell einfach erklärt: Wofür stehen S, O, R, K und C? Mit Schema, Vorlage und ausgearbeiteten Beispielen (Depression, Angst) sowie dem Bezug zur Makroanalyse und zum Bericht an den Gutachter (PTV-3).

12 Min. Lesezeit Aktualisiert:

Das SORKC-Modell ist das klassische Werkzeug der Verhaltensanalyse in der Verhaltenstherapie. Es beschreibt, wie ein Problemverhalten in einer konkreten Situation zustande kommt und was es aufrechterhält. Dieser Leitfaden erklärt das Modell einfach, zeigt Schema und Vorlage, führt zwei ausgearbeitete Beispiele durch und ordnet die SORKC-Analyse in den Bericht an den Gutachter nach PTV-3 ein.

Was ist das SORKC-Modell?

Das SORKC-Modell (auch S-O-R-K-C-Schema) geht auf Frederick Kanfer und George Saslow zurück und ist eine Erweiterung des behavioristischen Reiz-Reaktions-Schemas (S-R). Es ist die horizontale Verhaltensanalyse, auch Mikroanalyse genannt: Sie betrachtet nicht die gesamte Störungsentwicklung, sondern das konkrete Problemverhalten in typischen Situationen. Die fünf Buchstaben stehen für:

  • S = Stimulus / Situation (auslösende Bedingungen)
  • O = Organismus (personenspezifische Vermittlungsvariablen)
  • R = Reaktion (das Problemverhalten auf mehreren Ebenen)
  • K = Kontingenz (Regelmäßigkeit der Konsequenzen)
  • C = Konsequenz (von englisch consequence; kurz- und langfristige Folgen)

Die Verhaltensanalyse ist damit eine funktionale Betrachtung: Sie fragt nicht nur, was jemand tut, sondern welche Funktion das Verhalten erfüllt, also welche vorausgehenden und nachfolgenden Bedingungen es steuern. Genau dieses Verständnis liefert die Ansatzpunkte für die Behandlung.

Die Bestandteile: S-O-R-K-C

S, Stimulus / Situation

Alle Bedingungen, die dem Problemverhalten vorausgehen und funktional an dessen Auftreten beteiligt sind. Situative Auslöser liegen auf drei Ebenen: externe Reize (Alpha-Variablen: Orte, Personen, Situationen), kognitive Ereignisse (Beta-Variablen: Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen) und physiologische Prozesse (Gamma-Variablen: körperliche Empfindungen wie Herzrasen).

O, Organismusvariable

Personenspezifische Faktoren, die zwischen Situation und Reaktion vermitteln: überdauernde Schemata und Grundannahmen (z.B. „Ich bin schutzlos"), Kompetenzen und Defizite, übergeordnete Ziele und Pläne sowie biologisch-physiologische Dispositionen (z.B. erhöhte vegetative Reagibilität). Die O-Variable ist oft der Schlüssel zur Individualisierung der Analyse.

R, Reaktion

Das eigentliche Problemverhalten wird auf vier Ebenen beschrieben:

  • motorisch (beobachtbares Verhalten: Vermeidung, Flucht, Rückzug)
  • kognitiv (Gedanken, innere Bilder: „Ich halte das nicht aus")
  • emotional (Angst, Scham, Traurigkeit, Hilflosigkeit)
  • physiologisch (Herzrasen, Schwitzen, Anspannung, Schlafstörungen)

K, Kontingenz

Die Regelmäßigkeit, mit der eine Konsequenz auf das Verhalten folgt (kontinuierlich oder intermittierend). In vielen Berichten kann die Kontingenz weggelassen werden. Relevant wird sie z.B. bei inkonsistentem Erziehungsverhalten oder bei pathologischem Glücksspiel (intermittierende Verstärkung erhält das Verhalten besonders stabil aufrecht).

C, Konsequenz

Die Konsequenzen sind der Schlüssel zur Aufrechterhaltung. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen kurzfristigen und langfristigen Folgen: Kurzfristig wird das Problemverhalten meist negativ verstärkt (ein unangenehmer Zustand lässt nach, z.B. Angstreduktion durch Vermeidung), langfristig entstehen jedoch negative Folgen (keine Habituation, Annahmen werden nicht korrigiert, Verstärkerverlust). Dieses Muster erklärt, warum Betroffene trotz Leidensdruck am dysfunktionalen Verhalten festhalten.

SORKC, SORK oder SORCK?

In der Praxis begegnen Ihnen mehrere Varianten. Im vierteiligen SORK-Modell entfällt die Kontingenz; das K steht dort für die Konsequenz (Situation, Organismus, Reaktion, Konsequenz). SORCK enthält dieselben fünf Komponenten wie SORKC, stellt aber Konsequenz (C) und Kontingenz (K) in der Reihenfolge um. Inhaltlich meinen alle dasselbe Grundmodell.

SORKC-Schema und Vorlage

Für die eigene Fallarbeit hilft ein tabellarisches Schema. Sie können die folgende Vorlage als Arbeitsblatt nutzen und Spalte für Spalte ausfüllen:

KomponenteLeitfrage
S SituationIn welchen (externen, kognitiven, physiologischen) Situationen tritt das Verhalten auf?
O OrganismusWelche Schemata, Grundannahmen, Kompetenzen oder Dispositionen vermitteln?
R ReaktionWie reagiert die Person motorisch, kognitiv, emotional und physiologisch?
K KontingenzWie regelmäßig folgt die Konsequenz auf das Verhalten?
C KonsequenzWelche kurzfristigen (verstärkenden) und langfristigen (negativen) Folgen entstehen?

Situationsübergreifend statt Einzelfall

Für den Bericht an den Gutachter empfiehlt sich eine situationsübergreifende Verhaltensanalyse, also eine Abstraktion über typische Situationsklassen, statt einer einzelnen konkreten Szene. In Klammern können Sie konkrete Beispiele ergänzen, um die Individualisierung herzustellen.

SORKC-Modell: Beispiele

Beispiel Depression

52-jähriger Patient mit rezidivierender depressiver Störung (F33.1) nach Verlust des Arbeitsplatzes: Als Situation (S) wirken Anforderungssituationen des Alltags (Behördenpost, Bewerbungen schreiben) sowie Begegnungen, in denen die berufliche Situation zum Thema werden könnte (Nachbarn, ehemalige Kollegen). Auf der Ebene der Organismusvariable (O) vermitteln die Grundannahmen „Ich habe versagt" und „Ich bin für meine Familie eine Belastung". Die Reaktion (R): motorisch Rückzug und Inaktivität (der Patient liegt weite Teile des Tages auf dem Sofa, hat frühere Hobbys wie Radfahren und den Sportverein aufgegeben), kognitiv Grübeln und Selbstvorwürfe, emotional Niedergeschlagenheit und Schuldgefühle, physiologisch Erschöpfung und Durchschlafstörungen. Als Konsequenz (C) entfallen kurzfristig die als überfordernd erlebten Anforderungen, zusätzlich übernimmt die Ehefrau entlastend Aufgaben (negative und positive Verstärkung); langfristig vertiefen Verstärkerverlust und Inaktivität die Depression, und die Versagensannahme bestätigt sich scheinbar selbst.

Beispiel Angst (Panikstörung)

Bei einer Panikstörung dienen als Situation (S) häufig interozeptive Reize (Herzklopfen, Schwindel) sowie agoraphobische Situationen, in denen Flucht schwierig oder Hilfe nicht verfügbar wäre (volle Geschäfte, öffentliche Verkehrsmittel, Autobahnfahrten). Die Organismusvariable (O) ist geprägt durch eine katastrophisierende Bewertung körperlicher Empfindungen („Das ist ein Herzinfarkt") und eine erhöhte Angstsensitivität. Die Reaktion (R) besteht in Flucht, Vermeidung, Selbstbeobachtung und Rückversicherung bei Bezugspersonen (motorisch), Katastrophengedanken wie „Ich kollabiere" (kognitiv), Angst und Hilflosigkeit (emotional) sowie Herzrasen und Schwitzen (physiologisch). Die Konsequenz (C): kurzfristig Angstreduktion und ein Gefühl von Kontrolle durch Flucht und Vermeidung (negative Verstärkung), langfristig keine Habituation, die Katastrophenannahmen werden nicht korrigiert, die vermiedenen Situationen weiten sich aus und Hilflosigkeit und Abhängigkeit nehmen zu.

SORKC oder Makroanalyse? Mikro- und vertikale Analyse

Die SORKC-Verhaltensanalyse ist die Mikroanalyse (horizontal): Sie betrachtet einzelne Problemsituationen im Detail. Ihr Gegenstück ist die Makroanalyse (vertikal): das übergeordnete Störungsmodell, das erklärt, wie die Störung biografisch entstanden ist (prädisponierende Bedingungen), wodurch sie ausgelöst wurde und was sie aufrechterhält. Für einen vollständigen Bericht an den Gutachter werden beide Ebenen benötigt. Wie Sie Makroanalyse und Bedingungsmodell aufbauen, lesen Sie im Leitfaden Funktionales Bedingungsmodell & Makroanalyse.

Motivationsanalyse und Entwicklungsanalyse

Das SORKC-Schema ist nur ein Teil des verhaltensdiagnostischen Gesamtkonzepts von Kanfer und Saslow (1965/1969). Ihre „Behavioral Analysis" umfasst sieben Analysebereiche: die Analyse der Problemsituation, die Klärung der Problemsituation, die Motivationsanalyse, die Entwicklungsanalyse, die Analyse der Selbstkontrolle, die Analyse der sozialen Beziehungen und die Analyse der soziokulturellen Umwelt. Zwei davon sind für den Bericht an den Gutachter besonders relevant:

  • Motivationsanalyse: Welche Verstärker sind für die Person wirksam (Verstärker sind idiosynkratisch, also individuell verschieden)? Wie ausgeprägt sind Veränderungsmotivation und Veränderungsbereitschaft, welche Anreize und Hindernisse bestehen? Im PTV-3-Bericht fließt das in die Prognose ein: Die Psychotherapie-Richtlinie schließt eine Behandlung aus, wenn „die Voraussetzungen hinsichtlich seiner Motivationslage, seiner Motivierbarkeit oder seiner Umstellungsfähigkeit nicht gegeben sind" (§ 22 Abs. 3 Nr. 1 PT-RL). Liegen ungünstige Faktoren vor, sollten sie benannt und die dennoch tragfähigen Argumente für eine ausreichend günstige Prognose dargestellt werden.
  • Entwicklungsanalyse: Wie hat sich das Problemverhalten biografisch entwickelt? Dazu gehören biologische Faktoren (körperliche Erkrankungen, Vulnerabilität), soziologische Veränderungen (Umfeld, Milieu, Peergroup) und die Lerngeschichte. Im PTV-3-Bericht entspricht das den behandlungsrelevanten Angaben zur Lebensgeschichte und den prädisponierenden Bedingungen der Makroanalyse.

In der Praxis werden Motivations- und Entwicklungsanalyse also nicht als separate Kapitel geschrieben: Die Entwicklungsanalyse geht im Bedingungsmodell (Gliederungspunkt 4) auf, die Motivationsanalyse in Therapiezielen und Prognose (Gliederungspunkt 6).

SORKC im Bericht an den Gutachter (PTV-3)

Die PTV-3 fordert unter Gliederungspunkt 4 explizit die Verhaltensanalyse zusammen mit den prädisponierenden, auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen und einer kurzen Makroanalyse. Im Bericht werden Makro- und Mikroanalyse meist in einem Fließtext integriert dargestellt, statt als isolierte Tabelle. Achten Sie darauf, Themen aus Symptombeschreibung und Lebensgeschichte in der SORKC-Analyse wieder aufzugreifen, das sichert den roten Faden und die Konsistenz zum Behandlungsplan.

SORKC-Analyse mit Tippsie

In der Verhaltenstherapie führt Tippsie Sie strukturiert durch die SORKC-Verhaltensanalyse und verknüpft sie mit Makroanalyse, Diagnostik und Behandlungsplan. So bleibt die Fallkonzeption konsistent und der rote Faden erhalten, Sie behalten dabei die Kontrolle über jeden Abschnitt.

Häufige Fragen

Was ist das SORKC-Modell einfach erklärt?

Das SORKC-Modell ist das Grundschema der verhaltenstherapeutischen Verhaltensanalyse. Es beschreibt ein Problemverhalten funktional über fünf Komponenten: die auslösende Situation (S), die vermittelnde Organismusvariable (O), die Reaktion auf vier Ebenen (R), die Kontingenz (K) und die Konsequenzen (C). Ziel ist zu verstehen, welche Funktion das Verhalten erfüllt und was es aufrechterhält.

Wofür stehen die Buchstaben S, O, R, K und C?

S steht für Stimulus bzw. Situation, O für die Organismusvariable, R für die Reaktion (motorisch, kognitiv, emotional, physiologisch), K für die Kontingenz (Regelmäßigkeit der Konsequenz) und C für die Konsequenz (von englisch consequence; kurz- und langfristige Folgen des Verhaltens).

Was ist der Unterschied zwischen SORKC und SORK?

Im SORKC-Modell steht das K für die Kontingenz und das C für die Konsequenz. Das vierteilige SORK-Modell verzichtet auf die Kontingenz; das K bedeutet dort Konsequenz (Situation, Organismus, Reaktion, Konsequenz). Inhaltlich sind beide Modelle weitgehend deckungsgleich, da die Kontingenz in der Praxis oft keinen zusätzlichen Erkenntniswert liefert und deshalb häufig weggelassen wird.

Was ist der Unterschied zwischen SORKC und Makroanalyse?

Die SORKC-Analyse (Mikroanalyse) betrachtet einzelne Problemsituationen im Detail (horizontal). Die Makroanalyse betrachtet die Störung übergeordnet und zeitlich-kausal (vertikal: Vulnerabilität, Auslöser, Aufrechterhaltung). Für einen vollständigen Bericht an den Gutachter werden beide Ebenen benötigt.

Was sind Motivationsanalyse und Entwicklungsanalyse?

Beide gehören zum verhaltensdiagnostischen Konzept von Kanfer und Saslow. Die Motivationsanalyse untersucht wirksame Verstärker sowie Veränderungsmotivation und -hindernisse; sie fließt im PTV-3-Bericht in Therapieziele und Prognose ein. Die Entwicklungsanalyse zeichnet die biografische Entwicklung des Problemverhaltens nach (biologische, soziologische und lerngeschichtliche Faktoren) und geht im Bericht in der Lebensgeschichte und den prädisponierenden Bedingungen auf.

Berichte einfacher schreiben mit Tippsie

Sparen Sie Zeit bei der Berichtserstellung und konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche, Ihre Patient:innen.

Jetzt kostenlos testen