Beispiel ST-KJP-Erstantrag: Bericht an den Gutachter (Systemische Therapie, Kinder)
Vollständiger fiktiver Beispielbericht an den Gutachter nach PTV-3 für einen ST-KJP-Erstantrag bei einem 9-jährigen Jungen mit Trennungsangst und Schulvermeidung nach Trennung der Eltern. Mit systemischem Erklärungsmodell, Mehrpersonensetting und detaillierter Analyse.
Fiktiver Beispielbericht
Dieser fiktive Beispielbericht zeigt einen vollständigen Erstantrag auf Systemische Therapie (Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie) nach PTV-3 Gliederung. Im Unterschied zum ST-Erwachsenenbericht enthält er KJP-spezifische Elemente: durchgängige Quellenkennzeichnung der Informationen (Pat., Mutter, Vater, Klassenlehrerin), eine Entwicklungsanamnese, ein explizites Kontingent für Bezugspersonenstunden im Regelverhältnis 1:4 sowie eine konsequente Einbettung der Behandlung in das familiäre und schulische Helfersystem. Im Unterschied zum VT-KJP- oder TP-KJP-Bericht arbeitet er mit dem biopsychosozialen, kontextorientierten Erklärungsmodell der Systemischen Therapie und nutzt für die Behandlungsplanung das ST-typische tabellarische Format aus Therapiezielen und systemischen Interventionen.
Fallübersicht
Diagnose: F93.0 Emotionale Störung mit Trennungsangst des Kindesalters (G)
Patient: Männlich, 9 Jahre, 3. Klasse Grundschule
Setting: Kombiniertes Einzel- und Mehrpersonensetting (Eltern-, Familien- und Helfersystem-Sitzungen)
Besonderheiten: Schulvermeidung mit somatischer Begleitsymptomatik nach Trennung der Eltern vor 12 Monaten; Parentifizierung des Pat. (»kleiner Beschützer« der Mutter); fragile Co-Elternschaft; mehrgenerational mütterlicherseits ängstliche Linie; gender-spezifisches Narrativ »Männer weinen nicht« väterlicherseits
Kernargument: Die Schulangst ist nicht primär individuelle Pathologie, sondern sinnvoller Lösungsversuch eines empathischen Kindes in einer überlasteten Familie nach Trennung, ohne Einbezug beider Eltern, des Helfersystems Schule und ohne Bearbeitung der zugrundeliegenden familiären Übergangsdynamik bleibt die Symptomatik nicht nachhaltig auflösbar
Im Anschluss an den Bericht finden Sie eine detaillierte Analyse, in der wir die Besonderheiten des ST-KJP-Berichts erläutern, insbesondere die Verbindung von systemischem Erklärungsmodell, KJP-spezifischer Quellenkennzeichnung, Mehrpersonensetting und Bezugspersonenstunden im Verhältnis 1:4.
Der vollständige Bericht
1. Relevante soziodemografische Daten
Der 9-jährige Pat. besucht die 3. Klasse der wohnortnahen Grundschule. Er lebt nach der Trennung seiner Eltern vor 12 Monaten überwiegend bei der Mutter (38, Erzieherin in Teilzeit); seine 12-jährige Schwester lebt überwiegend beim Vater (41, Industriemechaniker). Die getrennten Wohnungen liegen im selben Ort, beide Eltern sind gemeinsam sorgeberechtigt. Umgangsregelung Vater–Pat.: alle zwei Wochenenden sowie nach Bedarf an Wochentagen. Eine wichtige zusätzliche Bezugsperson ist die Großmutter mütterlicherseits (67), die seit der Trennung im wöchentlichen Wechsel in die Betreuung eingebunden ist. Die wirtschaftliche Situation der Familie ist abgesichert. Keine Migrationserfahrungen.
2. Symptomatik und psychischer Befund
Die Mutter stellt den Pat. auf Empfehlung der Klassenlehrerin in der Sprechstunde vor. Sie berichte, dass ihr Sohn seit dem Beginn des laufenden Schuljahres (vor ca. 4 Monaten) zunehmend Bauchschmerzen an Schulmorgen äußere, oft so heftig, dass er weine, sich übergebe und nicht mehr zur Schule zu bewegen sei. Inzwischen verweigere er an drei bis vier Tagen pro Woche den Schulbesuch. Abends finde er kaum in den Schlaf, komme stattdessen ins Elternschlafzimmer und schlafe »nur, wenn er Mama hören könne«. Tagsüber wirke er zunehmend bedrückt, ziehe sich vom Sportverein und von Freunden zurück und frage immer wieder, ob es der Mutter gut gehe. Im Erstgespräch mit der Mutter und dem Pat. ergänze er, dass er Angst habe, dass »Mama etwas passieren« könne, wenn er in der Schule sei. Der Vater berichte im getrennten Gespräch, der Pat. wirke an seinen Wochenenden »wie ausgewechselt«, freier, fröhlicher, mit besserem Schlaf, sodass er die Schwere der Symptomatik zunächst unterschätzt habe. Die Klassenlehrerin schildere im Telefonat einen sehr empathischen, kognitiv durchschnittlich begabten Jungen, der vor Schuljahresbeginn unauffällig integriert gewesen sei.
Im Erstkontakt erscheint der Pat. als altersgerecht großer, schmächtig wirkender 9-jähriger Junge in altersgerechter Kleidung, gepflegt, körperlich jedoch angespannt. Er sucht zunächst körperlich Nähe zur Mutter (Kopf an Schulter) und antwortet nur, wenn diese ihn auffordert; er beobachtet ihre Mimik vor jeder eigenen Antwort. Im Verlauf öffnet er sich zunehmend und nimmt das angebotene Spielmaterial an. Im Einzelkontakt deutlich freier, kann eigene Themen einbringen, lacht. Im Familienbrett platziert er die Figur der Mutter zentral, sich selbst direkt daneben, den Vater gegenüber deutlich weiter weg, die Schwester noch weiter; die Großmutter mütterlicherseits stellt er hinter die Mutter mit den Worten »Oma ist Backup«. Im Spiel mit Tierfiguren inszeniert er wiederholt eine bedrohliche Trennungsszene, in der ein »kleines Häschen« einer großen »Häsin« nicht von der Seite weicht und ein »Hirsch« etwas abseits steht. Auf die Frage, was passiert, wenn das Häschen mal weggeht, antwortet er: »Dann passiert was Schlimmes.«
Psychopathologisch zeigt sich eine altersangemessen entwickelte sprachliche und kognitive Ausstattung bei ängstlich getöntem, gehemmtem Affekt mit erhaltener Schwingungsfähigkeit. Hinweise auf eine Entwicklungsstörung, Wahrnehmungs- oder Ich-Störungen bestehen nicht. Klinisches Bindungsmuster: unsicher-ambivalent. Die Intelligenz wirkt durchschnittlich. Akute Suizidalität wird im Einzelkontakt glaubhaft verneint; lebensbejahende Faktoren bestehen in der engen Beziehung zur Großmutter, vorhandenen (aktuell pausierten) Hobbys, der erhaltenen Lebensfreude im Einzelspiel und der ausdrücklichen Mitwirkungsbereitschaft beider Elternteile. Eine standardisierte Testung wurde im Rahmen der Probatorik nicht durchgeführt; eingesetzt wurden mit dem Pat. systemische Methoden (Familienbrett, »Familie in Tieren«, Sandspiel), Befunde siehe oben.
3. Somatischer Befund / Konsiliarbericht
Größen- und gewichtsmäßig altersentsprechend entwickelt. Keine relevanten körperlichen Erkrankungen bekannt. Die rezidivierenden Bauchschmerzen wurden vor Beginn der Probatorik kinderärztlich abgeklärt; ein organpathologisches Korrelat besteht nicht (Konsiliarbericht des Kinderarztes liegt vor). Keine Medikation, keine altersbedingt relevante Suchtproblematik. Kinderärztliche Mitbehandlung gegeben.
4. Behandlungsrelevante Angaben zur Lebensgeschichte, zur Krankheitsanamnese und zum systemischen Erklärungsmodell
Der Pat. ist das zweite Kind seiner Eltern. Die Mutter berichte über eine geplante Schwangerschaft mit Hinweisen auf erhöhte Belastung durch berufliche Belastungen des Vaters und eigene Sorge um die im selben Jahr verstorbene Tante mütterlicherseits. Die Geburt sei termingerecht und unkompliziert verlaufen. Die frühkindliche Entwicklung sei zeitgerecht erfolgt; der Pat. sei früh als »sehr sensibler, beobachtender« Junge beschrieben worden, der bei Trennungen (Eingewöhnung Krippe, Kita) jeweils länger als üblich gebraucht habe. Schuleintritt mit 6 Jahren ohne nennenswerte Probleme; bis zum Beginn der 3. Klasse gute schulische Integration und Leistungen. Vor 12 Monaten Trennung der Eltern nach längerer Beziehungsphase mit wiederkehrenden Konflikten. Vor 8 Monaten Herz-OP (Bypass) des Großvaters mütterlicherseits mit längerer Pflegephase, in der vor allem Mutter und Großmutter mütterlicherseits stark gefordert waren. Zu Beginn des laufenden Schuljahres Wechsel der Klassenlehrerin (vorherige Lieblingslehrerin in Elternzeit). In zeitlicher Nähe Beginn der jetzigen Symptomatik.
Körperliche Ebene: Der Pat. reagiert mit rezidivierenden Bauchschmerzen am Schulmorgen als somatischem Ausdruck der Trennungsangst sowie Einschlafstörungen mit nächtlichem Aufsuchen des mütterlichen Bettes. Eine eigenständige somatische Eigendynamik besteht nicht (kinderärztlich abgeklärt).
Aktuelle Belastungen (A): Im Vordergrund steht die Trennung der Eltern als zentrale Belastung. Hinzu kommen ein Lehrerinnenwechsel zu Beginn der 3. Klasse, die Herz-OP des Großvaters mütterlicherseits mit Pflegephase sowie eine noch instabile, oberflächlich kooperative Co-Elternschaft. Aktuell zugespitzt durch die zunehmende Schulvermeidung und den dadurch entstehenden Druck von außen (Schule, ggf. Schulamt).
Vorausgehende und summierte Belastungen (s), Mehrgenerationenperspektive: Mütterlicherseits zeichnet sich eine mehrgenerationale Linie ängstlicher Bindungs- und Sorgemuster ab (Urgroßmutter klammernd nach Kriegsverlust des Ehemanns, Tante mütterlicherseits unter Angststörungen, Mutter selbst in der Jugend generalisierte Angststörung). Väterlicherseits früher Tod des Vaters mit 11 J., danach ein familiäres Schweigen über Trauer (»Männer weinen nicht«). Familienzyklus-Übergang von der Kernfamilie zur post-Trennungs-Familie ist noch nicht abgeschlossen.
Ressourcen (B): Beim Pat. eine wache, empathische Persönlichkeit, gute kognitive Ausstattung, lebendige Vorstellungswelt, vorhandene (aktuell pausierte) Hobbys (Fußballverein, Lego, Fahrradtouren mit dem Vater) und vor Symptombeginn gut funktionierende Peer-Kontakte. Im Bezugssystem: beide Eltern engagiert und kooperationsbereit, eine sehr verständnisvolle Klassenlehrerin, eine tragfähige Beziehung zur Großmutter mütterlicherseits sowie eine materiell-finanziell abgesicherte Lebenssituation. Bisher gut funktionierende Kooperation der getrennten Eltern in organisatorischen Fragen.
Innerpsychische Muster des Pat.: Vorherrschend sind ängstlich-kontrollierende Muster mit antizipatorischer Sorge (»Mama könnte etwas passieren«), Vermeidungstendenzen, körperliche Symptomatik als Affektregulation und sozialer Rückzug. Erkennbar ist eine Tendenz zur Parentifizierung, die Übernahme altersuntypischer Verantwortung für das emotionale Wohlergehen der Mutter (»kleiner Beschützer«-Rolle).
Interaktions- und Kommunikationsmuster in Familie und Schule: Zwischen Mutter und Pat. besteht ein ängstlich-anklammerndes Muster mit wechselseitiger Aktualisierung, die Mutter sucht beim Pat. Trost und Halt für die eigene Trennungsverarbeitung, der Pat. übernimmt die Rolle des »kleinen Beschützers« und kann sich nicht ohne Angst von der Mutter trennen. Der Vater nähert sich vorsichtig, zieht sich aus Sorge zurück »alles nicht noch schlimmer zu machen«. Zwischen den Eltern: oberflächlich kooperativ, jedoch ohne tragfähige Klärungsmechanismen; ungelöste Themen aus der Beziehungszeit. Geschwister: belastete Beziehung durch unterschiedliche Haushalte und gegenseitige Eifersucht. Mehrgenerational: Mutter–Großmutter–Pat. bilden ein engeres weibliches Sorge-Subsystem; der Vater steht eher außerhalb. In der Schule: ein insgesamt kooperatives Helfersystem, das auf Lösungen wartet, jedoch durch gut gemeinte Schulbefreiungen zur Vermeidung beiträgt.
Bedeutungsgebungen (C): Die Mutter formuliert »Er war schon immer mein sensibler Junge«; der Pat. selbst sagt »Ich muss auf Mama aufpassen«; der Vater (zurückhaltend) »Ich will nichts kaputtmachen«. Mehrgenerational mütterlicherseits »In dieser Familie passieren immer wieder schlimme Sachen« und »Frauen tragen die Sorgen«; väterlicherseits »Männer weinen nicht« und »Über Gefühle wird nicht gesprochen«. Die Diagnose Trennungsangst wird von der Mutter als bestätigend erlebt (»Ich habe es ja gewusst«), vom Vater eher distanziert (»vielleicht etwas übertrieben«).
Problemfördernde Muster und untaugliche Lösungsversuche: Die Mutter bemüht sich zunehmend um Schonung (Schulbefreiungen, gemeinsames Schlafen), was kurzfristig entlastet, langfristig jedoch die Angst aufrechterhält und den Pat. in der Beschützer-Rolle bestätigt. Der Vater zieht sich zurück, um »alles nicht noch schlimmer zu machen«, wodurch sich das Mutter-Kind-System weiter verdichtet. Die Schule reagiert mit gut gemeinten Befreiungen, die zur Vermeidung beitragen; die Großmutter trägt zusätzliche Sorge ins System (»Geht es ihm wieder schlechter?«). Es zeichnet sich ein klassisches »Mehr-desselben«-Muster ab: Mehr Schutz → mehr Vermeidung → mehr Angst.
Symptom als Reaktion und Krise (X): Die Trennungsangst und die Schulvermeidung des Pat. lassen sich als sinnvoller Lösungsversuch eines empathischen Kindes verstehen, das nach der Trennung der Eltern die emotionale Last der Mutter mittragen will und Angst hat, sie alleine zu lassen. Im Familiensystem hat die Symptomatik darüber hinaus eine stabilisierende Funktion: Sie fokussiert alle Aufmerksamkeit auf den Pat. und verhindert, dass die Eltern die ungelösten partnerschaftlichen Themen direkter adressieren müssen, und entlastet die Mutter von der Auseinandersetzung mit der eigenen Einsamkeit nach der Trennung.
Entwicklungsperspektive: Im Alter von 9 Jahren stehen die Bewältigung wachsender schulischer Anforderungen, die Vertiefung von Peer-Beziehungen, die altersgemäße Loslösung aus der frühen Eltern-Kind-Symbiose und der Aufbau eigener Interessen als zentrale Entwicklungsaufgaben an. Die symptombedingte Schulvermeidung und die parentifizierende Dynamik gefährden alle vier. Ohne therapeutische Begleitung droht eine Chronifizierung mit weiteren sekundären Folgen (schulisches Versagen, soziale Isolation, depressive Begleitsymptomatik).
Gemeinsam entwickelte Problemdefinition: Im gemeinsamen Erstgespräch wurde mit der Familie die Sichtweise entwickelt, dass die Schulangst des Pat. als sinnvoller, aber kostspieliger Lösungsversuch eines kleinen Jungen verstanden werden kann, der nach der Trennung seiner Eltern »den Laden zusammenhalten« möchte und seine Mutter nicht alleine lassen mag. Das »Bauchgefühl« sei gleichsam zum Frühwarnsystem für alles geworden, was nach Trennung rieche. Die ganze Familie befinde sich gemeinsam auf einer Übergangsbrücke, von der alten Familienkonstellation zu zwei tragfähigen neuen Bezugssystemen. Die therapeutische Aufgabe bestehe darin, dem Pat. die Last der Beschützer-Rolle abzunehmen, beide Eltern wieder klar in die elterliche Verantwortung zu bringen und gemeinsam eine neue, sicherere »Landkarte« für das Hin und Her zwischen den beiden Lebenswelten zu zeichnen. Erste Schritte sind das gemeinsame Anliegen der Eltern und der kooperative Kontext der Schule.
5. Diagnose zum Zeitpunkt der Antragstellung
F93.0 Emotionale Störung mit Trennungsangst des Kindesalters (G)
Differentialdiagnostisch wurde zunächst eine Anpassungsstörung (F43.2) erwogen, da die Symptomatik in zeitlichem Zusammenhang mit der elterlichen Trennung steht; Ausprägung und Dauer der Symptomatik sowie die klar auf Trennung fokussierte Kernangst gehen jedoch über eine Anpassungsreaktion hinaus. Für F93.0 spricht zudem der frühkindliche Beginn der Trennungsproblematik: Bereits bei den Eingewöhnungen in Krippe und Kita zeigte der Pat. eine deutlich überdurchschnittliche Trennungsempfindlichkeit, die sich unter der aktuellen familiären Belastung zum klinischen Störungsbild ausgeweitet hat. Eine somatoforme Schmerzstörung (F45) wurde erwogen; die Bauchschmerzen sind jedoch eindeutig situationsgebunden (Schulmorgen, Trennungssituationen) und nicht selbständig persistierend. Eine generalisierte Angststörung (F41.1) ist aktuell nicht zutreffend, da die Ängste klar an Trennungssituationen gebunden sind.
Systemisch wird die Diagnose als sprachliche Verdichtung der vielen Aspekte vorgestellt, die in der gemeinsamen Problemdefinition zusammenkommen; sie ist nichts, was »in« dem Pat. drin sei, sondern beschreibt seine sinnvolle Reaktion auf eine herausfordernde familiäre Übergangssituation. Multiaxial: Achse I F93.0 G; Achse II keine umschriebene Entwicklungsstörung; Achse III durchschnittliche Intelligenz (klinischer Eindruck); Achse IV somatisch unauffällig (Kinderarzt-Konsil); Achse V aktuell ausgeprägte abnorme intrafamiliäre Beziehungssituation nach elterlicher Trennung; Achse VI Globalbeurteilung der psychosozialen Anpassung deutlich beeinträchtigt (Schulvermeidung, sozialer Rückzug).
6. Behandlungsplan und Prognose
| Nr. | Therapieziele | Behandlungsplan |
|---|---|---|
| 1. | Aufbau einer tragfähigen Beziehung zum Pat. und zur Familie | kindgerechtes Joining, Auftragsklärung mit allen Beteiligten (Pat., beide Eltern), Ressourcen-Interview, gemeinsames Genogramm mit Figuren |
| 2. | Wissensabgleich und gemeinsames systemisches Verständnis der Symptomatik schaffen | kindgerechte Aufklärung über Trennungsangst im Familienkontext, Würdigung der Schulangst als sinnvoller Lösungsversuch, Entlastung von Schuld-Narrativen bei den Eltern |
| 3. | Reduktion der Schulangst und kleinschrittiger Wiedereinstieg in den Schulalltag | Externalisierung (»der Bauch-Wächter«), Skalierungs- und Ausnahmefragen, kleinschrittige Expositionsübungen in Kooperation mit der Schule, Sorgenstuhl, Reframing der Angst als Schutzimpuls |
| 4. | Entlastung des Pat. aus der Beschützer-Rolle gegenüber der Mutter | Familienbrett, kindgerechte zirkuläre Fragen, Reframing der parentifizierenden Dynamik, Sandspiel zu Trennungs- und Sicherheitsthemen |
| 5. | Stärkung der Eltern-Allianz und Wiederherstellung der Generationengrenzen | Elternsitzungen, Etablierung eines konstruktiven Eltern-Kommunikationskanals, klare Absprachen zu Umgangsregelung und Schulsituation |
| 6. | Entwicklung einer tragfähigen neuen Familien-Landkarte nach der Trennung | Familiensitzungen, Familienskulptur, Rituale zum Wechsel zwischen den Haushalten, narrative Arbeit zur neuen Geschichte der Familie |
| 7. | Kooperation mit dem Helfersystem Schule | Helfersystem-Sitzungen, regelmäßiger Austausch mit der Klassenlehrerin, bei Bedarf Einbindung der Schulsozialarbeit |
| 8. | Mehrgenerationale Bearbeitung der ängstlichen Familienmuster | Genogrammarbeit mit beiden Herkunftsfamilien, Würdigung der mehrgenerationalen Linien (»In dieser Familie passieren schlimme Sachen« / »Männer weinen nicht«), narrative Re-Authoring-Arbeit |
| 9. | Rückfallprophylaxe, Zukunftsorientierung und Förderung altersgemäßer Autonomie | Zeitlinienarbeit, Notfallpläne für Krisensituationen, Förderung altersgemäßer Autonomie, Reaktivierung von Hobbys und Peer-Kontakten |
Beim Pat. liegen trotz der ausgeprägten Symptomatik mehrere prognostisch günstige Faktoren vor: eine hohe Mitwirkungsbereitschaft beider Elternteile, ein kooperatives Helfersystem (Schule, Kinderarzt), Offenheit für systemische Vorgehensweisen, altersangemessene Ressourcen (Hobbys, Peers, gute kognitive Ausstattung) und ein insgesamt stabiles Bezugssystem mit zusätzlicher Ressource Großmutter. Besonders förderlich erscheint, dass beide Elternteile trotz der Trennung gemeinsam an der Therapie mitarbeiten möchten. Die Prognose ist insgesamt günstig.
Beantragt werden für den Pat. 36 Therapieeinheiten Systemische Therapie in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie; die Familien- und Geschwistersitzungen mit dem Pat. erfolgen im Mehrpersonensetting innerhalb dieses Kontingents. Zusätzlich werden im Regelverhältnis 1:4 9 Bezugspersonenstunden beantragt, die vorwiegend für Elterngespräche mit beiden Elternteilen (ohne den Pat.) sowie für eine Helfersystem-Sitzung mit der Klassenlehrerin genutzt werden sollen. Für die Mehrpersonensitzungen wird die Erlaubnis für längere Sitzungsdauern als Doppelstunden beantragt. Frequenz zu Beginn 1× wöchentlich, ab der Konsolidierungsphase 14-tägig. Rückfallprophylaktische Interventionen sind im Behandlungsplan verankert (Therapieziel 9).
Analyse: Was diesen ST-KJP-Bericht überzeugend macht
Im Folgenden gehen wir auf die zentralen Qualitätsmerkmale dieses Berichts ein, mit besonderem Fokus auf das, was den ST-KJP-Antrag von einem ST-Erwachsenenbericht und von einem VT-KJP- bzw. TP-KJP-Bericht unterscheidet.
Konsequente Quellenkennzeichnung über alle Sektionen hinweg
Eine KJP-typische Anforderung ist die durchgängige Quellenkennzeichnung: Welche Information stammt vom Pat., welche von der Mutter, welche vom Vater, welche von der Klassenlehrerin? Im Beispielbericht wird das in Sektion 2A explizit ausformuliert (»Die Mutter berichte ...«, »Der Vater berichte im getrennten Gespräch ...«, »Die Klassenlehrerin schildere im Telefonat ...«, »Im Erstgespräch ... ergänze er ...«) und in den Sektionen 4A und 4B in subtilerer Form fortgeführt. Gutachter:innen erkennen daran sofort, dass der Therapeut die Eigen- und Fremdperspektiven differenziert hat, ein zentrales Qualitätsmerkmal jedes KJP-Berichts.
Praxis-Tipp: Quellen sauber trennen
Das systemische Erklärungsmodell, KJP-spezifisch entwicklungsbezogen
Wie im ST-Erwachsenenbericht ist Abschnitt 4 das inhaltliche Herzstück. Im ST-KJP-Format kommen jedoch zwei Aspekte hinzu: Erstens wird die Entwicklungsperspektive als eigener Unterabschnitt eingeführt: welche Entwicklungsaufgaben stehen für den Pat. altersbedingt an, und wie gefährdet die Symptomatik sie? Zweitens wird die Mehrgenerationenperspektive nicht nur in den Bedeutungsgebungen, sondern auch in den vorausgehenden und summierten Belastungen (»s« im ABCsX-Modell) und im Behandlungsplan (Genogrammarbeit, Therapieziel 8) explizit aufgegriffen. Das ist KJP-systemisch typisch, Kinder werden als Knoten in Familien-, Generations- und Schul-Systemen verstanden, nicht als isolierte Symptomträger.
Praxis-Tipp: Symptom als Reaktion sichtbar machen
Mehrpersonensetting (MPS) und das KJP-Regelverhältnis 1:4
Das Mehrpersonensetting (Sitzungen mit dem Pat. und weiteren Familienmitgliedern) zählt in der ST bei Erwachsenen wie in der KJP zum Gesamtkontingent; bei Erwachsenen gibt es darüber hinaus keine »Bezugspersonenstunden«. In der KJP kommt jedoch ein separates Kontingent hinzu: je vier Patientenstunden eine zusätzliche Bezugspersonenstunde (»Regelverhältnis 1:4«), für die Arbeit mit den Bezugspersonen ohne den Pat. Der ST-KJP-Bericht muss daher das Gesamtkontingent (hier 36 Sitzungen, inklusive der MPS-Familiensitzungen) und das Bezugspersonenkontingent (hier 9 Stunden für Eltern- und Helfersystemgespräche) separat ausweisen und ihre Aufteilung indikationsbezogen begründen. Das macht für Gutachter:innen sichtbar, dass das Setting-Konzept inhaltlich durchdacht und nicht nur ein Bonus-Kontingent ist.
Praxis-Tipp: MPS in der KJP plausibel begründen
Spielbasierte und kreative systemische Diagnostik in der Probatorik
Während Erwachsenen-Probatorik vor allem über verbale Anamnese und ggf. Fragebogen erfolgt, kommt im KJP die spielbasierte und kreative Diagnostik hinzu. Im Beispielbericht werden zwei systemisch-typische Methoden in §2B beschrieben: das Familienbrett (Aufstellung der Familie mit Holzfiguren, sichtbar werden Nähe-Distanz-Verhältnisse, hier: Mutter zentral, Pat. daneben, Vater fern, »Oma als Backup«) und das »Familie in Tieren«-Spiel (in dem der Pat. unbewusst Trennungs- und Bedrohungsthemen in eine Tierwelt verschiebt, »Wenn das Häschen weggeht, passiert was Schlimmes«). Diese Methoden zeigen Gutachter:innen: Das Kind hat über sein Spiel mitgesprochen, nicht nur die Mutter über das Kind.
Behandlungsplan als Tabelle, ST-typisch, KJP-spezifisch ergänzt
Wie im ST-Erwachsenenbericht ist der Behandlungsplan als zweispaltige Tabelle (Therapieziele × systemische Interventionen) formatiert. KJP-spezifisch sind drei Therapieziele dezidiert dem familiären und schulischen System gewidmet: Stärkung der Eltern-Allianz (Ziel 5), Familien-Landkarte nach der Trennung (Ziel 6) und Helfersystem-Kooperation (Ziel 7). Die altersangemessene Methodik (Familienbrett, kindgerechte zirkuläre Fragen, Sandspiel, Symbolspiel) macht für Gutachter:innen erkennbar, dass die ST-Methodik nicht 1:1 aus dem Erwachsenenkontext übernommen, sondern entwicklungsangemessen adaptiert wurde.
Diagnose mit systemischem Vorbehalt, MAS für die KJP
In §5 wird, wie im ST-Erwachsenenbericht, die ICD-10-Diagnose mit systemischem Vorbehalt eingeordnet (»Sie ist nichts, was ›in‹ dem Pat. drin sei, sondern beschreibt seine sinnvolle Reaktion auf eine herausfordernde familiäre Übergangssituation«). KJP-spezifisch wird zusätzlich die multiaxiale Klassifikation (MAS) angegeben. Insbesondere Achse V (psychosoziale Beziehungssituation) ist hier zentral und bekommt durch die ST-Lesart eine besondere Bedeutung: Sie ist nicht Hintergrund-Information, sondern der eigentliche Kontext, in dem das Symptom Sinn macht.
F93.0: Der frühkindliche Beginn gehört in die Anamnese
Ein diagnostischer Punkt, der in KJP-Berichten häufig übersehen wird: Die emotionale Störung mit Trennungsangst des Kindesalters (F93.0) setzt nach ICD-10 voraus, dass die Trennungsangst bereits in der frühen Kindheit begonnen hat (Forschungskriterien: vor dem 6. Lebensjahr) und in Ausprägung und Dauer deutlich über die entwicklungstypische Trennungsangst hinausgeht. Bei einem 9-Jährigen, dessen Symptomatik scheinbar »neu« nach der elterlichen Trennung aufgetreten ist, liegt für Gutachter:innen sonst eine Anpassungsstörung (F43.2) näher. Der Beispielbericht löst das, indem die Entwicklungsanamnese den frühkindlichen Vorlauf belegt (verlängerte, erschwerte Eingewöhnungen in Krippe und Kita) und die Differentialdiagnose die Abgrenzung zu F43.2 explizit führt: Die aktuelle Belastung hat eine früh angelegte Trennungsempfindlichkeit zum klinischen Störungsbild exazerbiert, sie hat sie nicht erzeugt.
Diagnose und Anamnese müssen ineinandergreifen
Schulvermeidung: das Zeitfenster nutzen, Alternativen ausschließen
Retzlaff hebt in seinem Störungskapitel zwei praxisrelevante Punkte hervor, die auch für die Antragstellung zählen. Erstens: Vor der Diagnose einer trennungsangstbedingten Schulvermeidung sollten schulische Alternativerklärungen aktiv ausgeschlossen werden, insbesondere Leistungsprobleme und Mobbing. Der Beispielbericht dokumentiert das über das Telefonat mit der Klassenlehrerin (unauffällige Integration und Leistungen vor Symptombeginn), eine kleine, aber für Gutachter:innen aussagekräftige Absicherung. Zweitens drängt die Zeit: Eine rasche Intervention binnen etwa 14 Tagen nach der ersten Schulvermeidung verbessert die Erfolgsaussichten erheblich; jede gut gemeinte Schulbefreiung verfestigt dagegen das Vermeidungsmuster. Genau dieses »Mehr-desselben«-Muster (mehr Schutz → mehr Vermeidung → mehr Angst) benennt der Bericht in Abschnitt 4 und macht die Schule deshalb zum eigenen Therapieziel (Ziel 7), statt sie nur als Kulisse zu erwähnen.
Typisch für Trennungsangst ist zudem das loyale Zuhausebleiben: Kinder bleiben daheim, weil sie sich gebraucht fühlen, etwa um »auf die Mutter aufzupassen«. Der Bericht nutzt diese Dynamik doppelt: als Kernstück des Erklärungsmodells (Parentifizierung, »kleiner Beschützer«) und als Ansatzpunkt der Behandlung (Entlastung aus der Beschützer-Rolle, Ziel 4). Da elterliche Angststörungen die Prognose beeinflussen und der Einbezug der Eltern die Behandlung aussichtsreicher macht, stärkt die mehrgenerationale ängstliche Linie im Bericht zugleich die Begründung des Mehrpersonensettings.
Praxis-Tipp: Spielerische systemische Interventionen benennen
Häufige Fragen zum ST-KJP-Erstantrag
Worin unterscheidet sich ein ST-KJP-Bericht von einem ST-Erwachsenenbericht?
Vor allem in der Quellenkennzeichnung (Pat./Eltern/Lehrkraft), in der Entwicklungsanamnese, in der Mehrgenerationenperspektive im Erklärungsmodell, in der spielbasierten Diagnostik in der Probatorik sowie im separaten Kontingent für Bezugspersonenstunden im Regelverhältnis 1:4. Strukturell folgen beide derselben PTV-3-Gliederung; das systemische Erklärungsmodell (ABCsX) ist identisch, wird im KJP-Bericht jedoch um einen expliziten Entwicklungsbezug erweitert.
Worin unterscheidet sich der ST-KJP-Bericht von einem VT-KJP- oder TP-KJP-Bericht?
In Abschnitt 4 inhaltlich am stärksten. VT-KJP arbeitet mit dem Bedingungsmodell (SORKC), TP-KJP mit psychodynamischer Formulierung und Neurosendisposition, ST-KJP mit dem biopsychosozialen, kontextorientierten Modell mit benannten Unterabschnitten (Belastungen, Ressourcen, innerpsychische Muster, Interaktionsmuster, Bedeutungsgebungen, Symptom als Reaktion, Problemdefinition). Außerdem ist das Mehrpersonensetting in der ST-KJP regelmäßiger und stärker indiziert; Doppelstunden für Familiensitzungen sind üblich.
Wie viele Stunden umfasst ein ST-KJP-Erstantrag?
Der ST-KJP-Erstantrag (LZT) umfasst bis zu 36 Therapieeinheiten in einem einzigen Bewilligungsschritt; eine vorangegangene KZT wird angerechnet. Die Höchstgrenze liegt bei 48 Einheiten (§ 30 PT-RL), eine Fortführung dorthin ist nur mit begründeter Aussicht auf Erreichen des Behandlungsziels zulässig. Hinzu kommen Bezugspersonenstunden im Regelverhältnis 1:4, im Beispielbericht 36 Sitzungen + 9 Bezugspersonenstunden. Anders als bei der VT-KJP (60 Std. LZT) und der TP-KJP (70 Std. bei Kindern, 90 Std. bei Jugendlichen) sind die ST-KJP-Kontingente identisch zur ST bei Erwachsenen.
Wann ist Systemische Therapie in der KJP indiziert?
ST-KJP ist besonders indiziert, wenn die Symptomatik des Kindes/Jugendlichen in Familien-, Schul- oder Helfer-Systemdynamiken eingebettet ist (z. B. nach Trennung der Eltern, bei Loyalitätskonflikten, Parentifizierung, Geschwister-Dynamiken, schulischer Eskalation, mehrgenerational tradierten Mustern). Sozialrechtlich zugelassen ist ST für Kinder und Jugendliche in Deutschland seit 2024 (G-BA-Beschluss vom 18.01.2024, Inkrafttreten 12.04.2024) als viertes Richtlinienverfahren, nach VT, TP und Analytischer Psychotherapie.
Wie werden die Bezugspersonenstunden (1:4) in der ST-KJP genutzt?
Bezugspersonenstunden decken die Arbeit mit den Bezugspersonen ohne den Pat. ab, in der ST-KJP neben dem klassischen Eltern-Coaching auch Gespräche mit dem weiteren Helfersystem (z. B. Lehrkräfte). Familien- und Geschwistersitzungen, an denen der Pat. teilnimmt, laufen dagegen als Mehrpersonensetting innerhalb des Therapiekontingents. Die Aufteilung sollte im Antrag konkret begründet werden, im Beispielbericht: der Großteil der 9 Bezugspersonenstunden für Elterngespräche mit beiden Elternteilen, eine Stunde für die Helfersystem-Sitzung mit der Klassenlehrerin.
Hinweise zur Nutzung dieses Beispiels
Dieser Beispielbericht dient als Orientierung für Aufbau, Stil und Argumentationslogik eines systemischen KJP-Gutachterberichts. Jeder Bericht muss individuell auf den jeweiligen Fall zugeschnitten sein. Insbesondere das systemische Erklärungsmodell, die Quellenkennzeichnung und die Aufteilung des Bezugspersonenkontingents müssen vom konkreten Fall ausgehen, generische Formulierungen schwächen den Antrag.
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